LTT-Premiere: Ralf Siebelts Adaption des Romans "Sankya"

Verstörender Blick auf die russische Wirklichkeit: Unter großem Beifall feierte am Samstag Ralf Siebelts Theaterfassung des Sachar Prilepin-Romans "Sankya" in der LTT-Werkstatt seine deutsche Erstaufführung.

"Jetzt reichts": Die Jugend geht auf die Barrikaden gegen das "System Putin" und seinen übermächtigen Staatsapparat.

"Jetzt reichts!" Fünf Jugendliche in Moskau haben endgültig die Faxen dicke. Vom russischen Turbokapitalismus, von der willkürlichen Justiz, vom übermächtigen Staatsapparat sowieso. Schon lange fühlen sich die jungen Leute im "System Putin" nicht mehr verstanden und aufgehoben.

Sankya (Ben Janssen). Alexwij (Steffen Riekers), Wenka (Andreas Helgi Schmid), Nega (Patrick Seletzky) und Jana (Margarita Wiesner) beschließen, sich zu wehren, die von Wodka und Anpassung geprägte Welt der älteren Generation hinter sich zu lassen und auf die Straße zu gehen. Sie schließen sich einer linksnationalen Bewegung an, radikalisieren sich, "legen die Tomaten aus der Hand und greifen zur Waffe".

Doch wofür Sankya und seine Freunde eigentlich kämpfen, wissen sie selbst nicht so genau. Bei Anti-Putin-Demonstrationen entlädt sich ihr angestauter Frust zunehmend in Orgien der Gewalt.

Sachar Prilepins Roman "Sankya", der in Russland nach seiner Veröffentlichung 2006 zum Kultbuch wurde, erzählt von der Gewalt, die aus Hoffnungslosigkeit und Frust entsteht. Seine Terroristen kommen aus der Mitte der Gesellschaft. Sie sind jung, strotzen vor Energie, aber seelisch sind sie verödet. Ihre Vorstellungen sind unkonkret, sie wissen nur, dass es so nicht weiter gehen kann. Denn Russland ist unter Staatspräsident Wladimir Putin zu einem korrupten Staat verkommen, der gegen jede Freiheitsbewegung seiner Bürger vorgeht und Demonstrationen mit Hilfe gewaltsamer Einsätze der Sicherheitspolizei brutal niederschlägt.

Das Bühnenbild von Hannah Landes besteht so auch aus einem großen Käfig, der das Eingeschlossensein in einem übermächtigen Staatsapparat symbolisiert. Zunächst werden zwischen den dicken Gitterstäben nur Parolen gebrüllt und Putin-Plakate verschandelt, doch schon bald fließt Blut. Demonstranten und Polizei (abwechselnd verkörpert von den fünf Darstellern) gehen aufeinander los, die Gewalt eskaliert. Mit Energie werfen sich Sankya und seine Freunde in die Stunts, krachen gegen die schweren Gitterstäbe. Die Zuschauer werden hineingezogen in einen Sog aus Wut und Gewalt, der zum Teil die Wirkung von Kinobildern entfaltet.

Man sieht frustrierten jungen Leuten zu, die sich - von der Gesellschaft weitgehend abgelehnt und allein gelassen - bei Demonstrationen austoben und versuchen, sich in dem russischen Chaos zurechtzufinden. Deren Wunsch nach sinnvoller Lebensgestaltung aber zunehmend von Gewalt überlagert wird und letztendlich voll gegen die Wand fährt. Die Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht werden immer brutaler, der Tod rückt näher, scheint schließlich logische Konsequenz. Selbst die leiseren, textkonzentrierten Momente, etwa, wenn die Schauspieler Sankyas toten Vater in sein Heimatdorf überführen und durch präzises Erzählen Bilder entstehen lassen, führen in Abgründe.

Aufgelockert wird die Handlung von einem kurzen Liebesgeplänkel zwischen Sankya und Jana, von kurzen Videoeinspielungen und von den rockmusikalischen Einlagen, die die fünf Darsteller mit Hilfe von Bandoneon, Gitarre und Schlagwerk den Zuschauern um die Ohren hauen.

Ralf Siebelt hat die wenigen Mittel genutzt, die das Stück zu einer äußerst beklemmenden Theaterfassung macht: Bedrohliche Geräusche, aggressive Parolen und eskalierende Erniedrigungen bei den Verhören der Staatssicherheit prägen das Stück bis zum Schluss. Dagegen gibt die Handlung selber doch recht wenig her, da sich Szenen wiederholen, später allenfalls umkehren.

Eigentlich ist Jugend ja ein heißes Gut. Da gehört der Radau zum Pflichtprogramm und die Revolution zur Kür. In der Haut dieser vier entwurzelten Männer und einer Frau möchte man dennoch nicht stecken. Denn es ist keineswegs unterhaltsam oder amüsant, ihnen zuzuschauen, wie sie verzweifelt nach eher altmodischen Idealen wie Heimat und Verlässlichkeit suchen und dabei offenen Auges ins Verderben rennen.

Symptomatisch endet das Theaterstück mit den Worten: "Es gibt nichts mehr zu träumen - Heiliges Russland!"

JÜRGEN SPIESS, Ubingen - 02.10.2013

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