Junge regimekritische Russen in Tübingen

"Sankya" - die deutschsprachige Erstaufführung des Romans von Sachar Prilepin

Ein multifunktionales Gitter trennt das Publikum in dieser Inszenierung stärker als üblich von der Bühne. Genau diese fest installierte Distanz ist der entscheidende Kunstgriff. Die Figuren haben keine Träume, keine politische Richtung mehr. Ihr perspektivloser Aufstand wird zur Falle für sie selbst.

Man kennt sie aus Fernsehbildern: Schwere Eisengitter, mit denen Demonstranten in Schach gehalten werden, und Gitter, hinter denen Angeklagte in russischen Gerichten vorgeführt werden. Bühnenbildnerin Hannah Landes hat daraus einen raumhohen Käfig gebaut. Wie im Zirkus bei den Raubtiernummern starren die Zuschauer von ihrem steil ansteigenden Podest aus auf die fünf lebenshungrigen jungen Menschen, die kein Geld, keine Arbeit und keine Perspektive haben. Nur ihre Wut im Bauch. Heftig und lautstark rütteln sie an den Gittern, springen mit voller Wucht dagegen an, klettern hoch, stürzen ab, nehmen immer wieder neuen Anlauf. Erkennbar wollen diese vom Leben schon enttäuschten jungen Leute die Barrieren von innen sprengen. Ein einziges Mal verlassen sie den tristen Lebens-Raum, stellen sich ganz nah vor dem Zaun auf und beschreiben mit Staunen und Abscheu ihre Einblicke in die schöne neue Welt der Reichen bei einem Bummel durch einen sündhaft teuren Supermarkt.

Dieser "Alternative" kehren sie schnell den Rücken. Zurück in ihr abgezäuntes Leben. In dem sie immer radikaler und gewaltbereiter werden. Das Stück endet mit ihrem ersten Mord. Anfangs, brüllen sie, ans Gittergerüst gepresst, hätten sie nur Tomaten geworfen, Einkaufsmeilen verwüstet, Autos demoliert - und sich dabei eine blutige Nase geholt. Seither werden sie von Vertretern der Staatsgewalt immer härter verfolgt, verprügelt, verhört und gefoltert - und werden ihnen immer ähnlicher. Regisseur Ralf Siebelt zeigt das durch Mehrfachbesetzungen. Die Darsteller wechseln mit der Rolle das Hemd und die soziale Stellung. Ihr rüdes Verhalten ist kaum zu unterscheiden. Nur an den Gittern rütteln die Schergen des Systems nicht.

Siebelt konnte in seiner Theaterfassung von Sachar Prilepins Roman "Sankya" nicht auf verbindende, erklärende, immer auf mehrere Stimmen verteilte erzählende Passagen verzichten, aus denen sich dann die Konstellationen und Konfrontationen ergeben. Eine oft peinliche Hürde, wenn das Theater Prosatexte theatertauglich zurechtstutzt.

Und auch in Siebelts Inszenierung gibt es leider ärgerlich platte, rein illustrative Sequenzen. So etwa, wenn von dem kilometerlangen Transport des toten Großvaters durch den tief verschneiten Wald die Rede ist. Da sieht man auf zwei der Bilderwelt des sozialistischen Realismus entnommene menschliche Zugpferde, erstarrt vor eine - Palette gespannt. Und zum glücklichen Ausgang der verzweifelten Aktion erscheint weit hinten, oben, offenbar im Vertrauen auf die Aussagekraft von Klischees, in Rotlicht gebadet ein Retter mit riesigen Engelsflügeln.

Ganz anders die anrührend stille Szene einer aussichtslosen jungen Liebe zwischen Sankya und einer jungen Rebellin. In einem Balanceakt ohnegleichen, einer unpathetischen, ganz unsentimentalen Choreographie schweben sie ohne Bodenhaftung an dem Gitter, das eine verlorene Generation in Russland, wie jede Menge übermalte Putin-Protestplakate zeigen, vom "normalen" Leben in ihrem Lande trennt. Und das multifunktionale Gitter trennt als 4. Wand auch das Publikum stärker als üblich von der Bühne. Genau diese fest installierte Distanz ist der entscheidende Kunstgriff der Inszenierung: Ein Stück, das nicht vorgibt, ein Theaterstück zu sein; Figuren, die keine Träume mehr haben, keine politische Richtung und die uns in ihrem verworrenen Pathos fremd sind. Die sich immer lauter Gehör verschaffen wollen und uns Einsichten in die Gefahren einer gespalteten Gesellschaft vermitteln. Man braucht unliebsame Personen gar nicht mehr in die Verbannung zu schicken. Ihr perspektivloser Aufstand wird zur Falle, ja, zum Gulag für sie selbst. Und diese Ghettoisierung ganzer Bevölkerungsgruppen ist Keimzelle eines Terrorismus von innen.

Von Cornelie Ueding, Deutschlandfund - 01.10.2013

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