Raubtier auf dem Sprung in Russlands sterbenden Stadten

Im Schatten von "Pussy Riot" gedeiht auch in der russischen Literatur eine Oppositionsszene, die den Liberalismus ablehnt und ein mitunter bizarres Ethos pflegt. Zakhar Prilepins Roman "Sankya" ist aber gro?e Literatur

Wien - In Zakhar Prilepins Roman Sankya fallt der Name Putin kein einziges Mal. Das Schlimmste, was dem "Staatsprasidenten" vonseiten der Radikalopposition widerfahrt, ist ein Anschlag mit Farbe. Eine Aktivistin der "Sojusniki" wirft dem Potentaten einen Plastiksack voller Paradeiser und Mayonnaise auf das schuttere Haar.

Die Folgen fur den "Bund der Schaffenden" (so die Ubersetzung von "Sojus Sosidajuschtschich") sind verheerend. Fuhrende Mitglieder der Partei werden verhaftet und vom Inlandsgeheimdienst grausam zugerichtet. Junge Parteiaktivisten wie Sascha Tischin ("Sankya") fuhlen, dass es Zeit geworden ist zu handeln. Sascha ist russischer "Nationalbolschewist". Er und seine wenig zimperlichen Gesinnungsgenossen stehen im Bann ihres Parteigrunders, der als Martyrer der Staatsgewalt hinter Gittern sitzt.

Das Vorbild von "Kostenko" bildet Eduard Limonow: die schillerndste Figur der Oppositionsbewegung in Russland. Limonow hat als bisexueller Dandy und provokanter Dichter tuchtig Krawall geschlagen und trotzdem Karriere in den feineren Kreisen gemacht. Seinem Gastland, den USA, schrieb er Schmeicheleien hinterher: "Fuck off, America!" Beruhmt wurde er, als er neben den serbischen Aggressoren stand, die auf das belagerte Sarajevo hinunterschossen, und seinerseits eine Salve abgab.

Flucht und Suizid

Limonow erfreut sich bis heute des Rufes, ein Rowdy mit Niveau zu sein. Die von ihm gegrundete Partei trug Flaggen vor sich her, auf denen Hammer und Sichel das Hakenkreuz ersetzten.

Irgendwann gingen Limonows "Nats-Boly" (Nationalbolschewiki) in der russischen Oppositionsbewegung "Anderes Russland" auf. Auffallig wurden die Demonstranten etwa im Zuge der letzten Putin-Angelobung. Ein Aktivist der Nationalbolschewisten namens Alexander Dolmatow floh unlangst nach Holland. Der Ingenieur in einem Rustungsbetrieb war von Verhaftung bedroht. Sein Asylantrag wurde abgelehnt, und Dolmatow erhangte sich in einer Zelle des Abschiebungszentrums.

Das Wissen um die Konfrontationslinien im heutigen Russland ladt Sankya mit zusatzlicher Bedeutung auf. Packende Literatur ist Prilepins Roman aber aus eigenem Recht. Zakhar Prilepin (37), erzahlt der Wiener Ubersetzer Erich Klein, genie?e hohes Prestige bei den jungen Russen: " Auch solche Studenten, die nicht unmittelbar mit Literatur zu tun haben, kennen und lesen Prilepin." Nachsatz: "Ich glaube, sie lesen ihn naiv, direkt, realistisch."

Sascha Tischin, der Titelheld, ist, frei nach Lermontow, ein Held unserer Zeit. Der Mittzwanziger zeichnet sich durch freundliches Phlegma aus. Er pendelt mit der elektrischen Bummelbahn zwischen Moskau und seiner Heimatstadt hin und her.

Die familiaren Wurzeln drohen abzusterben: Der trunksuchtige Vater ist jung gestorben, die Mutter schuftet als Krankenschwester im Schichtbetrieb. Die Gro?mutter lebt in einem abgelegenen Dorf. Den Alkoholtod ihrer drei Sohne hat sie niemals verwunden, und in den benachbarten Bauernhausern springen abends immer weniger Lichter an. Russland ist nicht etwa bedroht, sondern schon langst gestorben.

Saschas gewalttatiger Protest besitzt eine unerschutterliche Kraft. Er und seine Genossen erwarten sich von der Politik keine Wendung zum Besseren. Heute, doziert einer von ihnen, seien "allein die Instinkte ideologisch". Wie ein geschmeidiges Raubtier schleicht Sascha durch die in Auflosung begriffenen Stadte. Ihm und seinen Parteigangern eignet ein " angeborenes Gefuhl innerer Wurde". Die Quellen ihres Patriotismus sind trube. Als attraktive Strolche ahneln sie "Vaterlosen auf der Suche danach, wem sie als Sohne von Nutzen sein konnen".

Ihr Nutzen fur die Gesellschaft aber ist au?erst beschrankt. Ihr Gegenuber ist die Miliz. Ihr Ethos ist das der Tat. Taten allein andern nichts. Das Bewusstsein der Rowdys konnte man als postpolitisch beschreiben: "Wir mussen genau dann beginnen" - gemeint ist: mit Gewalttaten -, "wenn nichts mehr zu erwarten ist."

Zeugnis des Nihilismus

Sankya ist das fesselnd erzahlte Portrat eines Nihilismus, der die Entwicklung der russischen Gesellschaft wahrend der Putin-Jahre als Zerfallsprozess begreift. Prilepin, der in Nischnij Nowgorod lebt und schreibt, sei, so Klein, "mit beiden Seiten der zentralen Auseinandersetzung vertraut".

Als Demonstrant sei er gegen die Staatsmacht aufgetreten. Vor elf Jahren aber arbeitete der zweifache Tschetschenien-Kriegsveteran noch als schlecht bezahlter Offizier der Innenministeriums-Truppen Omon. Prilepin selbst bezeichnet sich als "linkskonservativ". Seine ganze Abneigung gilt dem Liberalismus, den er mit Putin identifiziert. Sein aktuelles Stuck hei?t Verhor und handelt die Gewalttatigkeit der Polizei ab.

Ob das verzweifelte Pathos der Tat tatsachlich zu einer neuerlichen " Revolution" in Russland fuhren kann, steht in den Sternen. Mit politischen Zuordnungen tut sich der westliche Betrachter schwer. Das Buch Sankya enthalt jedoch Passagen, die jeden politischen Einspruch zunichtemachen. Eine besonders tief zu Herzen gehende Episode spielt naturgema? im Winter: Sascha und seine Mutter versuchen mithilfe eines Freundes, den Sarg mit dem toten Vater in das verschneite Dorf der Vorfahren zu schaffen. Slapstick und Tragik bilden das Doppelgesicht der russischen Misere. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 5.1.2013)

RONALD POHL, "Der Standart" - 4. Februar 2013

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